Mit Diabetes Typ 1 Medizin studieren – zwei Wege, viele Ziele?

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Wir haben uns während des Medizinstudiums kennengelernt – zwei Frauen, beide mit Typ-1-Diabetes, beide auf dem Weg zur Ärztin. Ganz zufällig sind wir uns bei einem Umzug einerFreundin über den Weg gelaufen: Jenna, noch relativ am Anfang ihres Studiums im vierten Semester. Linda, kurz vor Beginn ihres praktischen Jahres und damit fast am Ende des Studiums. Zwei Menschen, die den Diabetes sehr unterschiedlich gelebt hatten. Linda, die das letzte Mal mit zehn Jahren auf einen gleichaltrigen Menschen mit Diabetes getroffen war. Jenna, die kurz nach ihrer Diagnose beim Start von Blickwinkel Diabetes dabei war und Diabetes deshalb gar nicht ohne Community kennt. Immer wieder sind wir uns danach über den Weg gelaufen, haben kurz gequatscht, Verabredungen geplant und dann doch wieder verschoben. Das Leben hatte bei uns beiden gerade andere Prioritäten:

Jenna (links) und Linda (rechts)

Ein Praktikum in Mexiko für Linda, das Physikum bei Jenna. Im Rahmen der aktuellen Themenreihe bei Blickwinkel haben wir uns nun endlich zusammengefunden, zumindest digital per Zoom, und uns gefragt, was wir eigentlich über unsere Erkrankung und die Wahl unserer späteren Fachrichtung denken. Und dabei ist uns aufgefallen: So ähnlich unsere Ausgangssituationen sind, so unterschiedlich sind unsere aktuellen Antworten. Aber lest selbst.

Unsere Wege ins Studium könnten kaum verschiedener sein.

Jenna: „Wenn ich gefragt werde, wie ich dazu gekommen bin, als Erzieherin Medizin zu studieren, ist meine Antwort eigentlich immer die gleiche: Ich hatte schon immer im Hinterkopf, dass ich vielleicht Ärztin werden möchte. Nach der Schule wollte ich aber nicht direkt wieder nur ‚Lernen,Lernen, Lernen‘, sondern wollte etwas Praktisches tun. Das einzige, was ich zu dem Zeitpunkt ganz sicher wusste, war, dass ich mit Kindern arbeiten möchte. Also bin ich Erzieherin geworden.“

Für Linda war der Ausgangspunkt ein ganz anderer: Eine Diagnose mit acht Jahren, die mehr geprägt hat als nur den Alltag.

Linda: „Den Wunsch, Medizin zu studieren, gibt es schon ewig. Und ich bin mir sicher, dass er eng mit der Diabetesdiagnose verknüpft ist. Die kam mit acht Jahren, und weil mein Kinderdiabetologean ein Krankenhaus angebunden war, habe ich etliche Stunden meiner Kindheit und Jugend in diesem Krankenhaus verbracht, der Geruch nach Desinfektionsmittel und die langen Flure haben sich mein Gedächtnis eingebrannt und heute kann ich glücklicherweise sagen, dass das immer positiv besetzt war. Entscheidend war aber mein Kinderdiabetologe, der bis heute mein Vorbild ist. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich mit viel mehr Widerstand, Gleichgültigkeit oder Wut durch meine Teenagerzeit mit Typ-1-Diabetes gegangen. Ich mochte aber meine Quartalstermine bei ihm, er war lustig, verurteilte mich nicht für schlechte HbA1c-Werte, war trotzdem bestimmt und sprach mit mir auf Augenhöhe. Das war der Grundstein für meine spätere Entscheidung zum Medizinstudium. Ich wollte so sein wie er.“

Beide sind unterschiedliche Wege gegangen, um Ärztin zu werden und beide würden ihren ganz persönlichen Weg nicht missen wollen.

Jenna: „Nach der Ausbildung im Kindergarten in die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu gehen, war für mich eine Möglichkeit, als Erzieherin in die Medizinwelt reinzuschauen. Es war das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe die Arbeit in der Pflege so sehr lieben gelernt, dass ich mir kaum noch vorstellen konnte, woanders hinzugehen. Ich hatte ein wunderbares Team, dass ich zu jederZeit und vor allem in der Zeit meiner eigenen Diabetes-Diagnose als unfassbare Unterstützung auf meinem Weg empfunden habe. Aber nichtsdestotrotz hatte ich im Hinterkopf immer noch den Gedanken: ‚Vielleicht doch noch Medizin?‘ Irgendwann musste ich den Absprung finden, wenn ich das mit dem Studium wirklich noch probieren wollte.“

Linda hat auf ihrem Weg den Diabetes jahrelang kaum sichtbar werden lassen, weder nach außen noch zu sich selbst.

Linda: „Der Diabetes war 17 Jahre meines Lebens eher Nebensache. Ich hatte niemanden mit dergleichen Diagnose in meinem Umfeld, saß nie auch nur einmal in der gleichen Klasse, im gleichen Hörsaal oder im gleichen Arztzimmer wie jemand mit Typ-1-Diabetes, und managte das alles im Stillen und beiläufig. Erst in meinem letzten Studienjahr, nach 18 Jahren Diabetes, habe ich aktiv nach anderen Menschen mit der gleichen Diagnose gesucht (und ich verstehe bis heute nur teilweise, warum es so lange gedauert hat) und angefangen, auch in meinem Freundeskreis den Diabetes in meinem Alltag sichtbarer zu machen. Das hat irgendwie alles verändert.“

Ein Beispielbild aus dem Medizinstudium

Welche Fachrichtung soll es werden?

Jenna: Meine Antwort auf die Frage nach der Fachrichtung ist immer ähnlich: eine, in der ich Familien über einen langen Zeitraum begleiten kann. Es bereitet mir am meisten Freude, wenn ich Entwicklungen und Lernprozesse des ganzen Menschen sehen und begleiten darf.“

Linda hat auf diese Frage jahrelang jedes Jahr anders geantwortet – bis jetzt.

Linda: „Anfangs wollte ich auf gar keinen Fall beruflich mit Diabetes zu tun haben. Ich fand, dass ich eh schon genug davon in meinem Alltag hatte und man mir bloß mit noch mehr fern bleiben lange geliebäugelt sollte, und dann auch noch auf der Arbeit? Niemals. Mit der Inneren Medizin habe ich schon lange geliebäugelt, aber der Diabetes sollte nur eine Nebensache bleiben…“

Und dann ist da noch die naheliegendste Anschlussfrage, die uns beiden fast zwangsläufig gestellt wird:

Wie wäre es denn mit dem Beruf der Diabetologin?

Hier sind wir uns aktuell tatsächlich ziemlich uneinig.

Jenna: „Aktuell kann ich mir nicht vorstellen, Diabetologin zu werden. Weil ich in meinem Alltag zwangsläufig so viel mit Diabetes zu tun habe, möchte ich in meiner beruflichen Praxis einen anderen Weg einschlagen. Als Diabetologin würde ich täglich und nahezu ausschließlich mit dieser einen Erkrankung konfrontiert sein. Ich glaube, dass ein gewisser Abstand für mich da eher passend ist.“

Linda ist zu einer ganz anderen Antwort gekommen und beschreibt den Weg dorthin: „Ich habe die Frage nach der Fachrichtung jedes Jahr anders beantwortet, bis ich jetzt – ein halbes Jahr vor dem Ende meines Studiums – das Gefühl habe, dass sich das nicht mehr so schnell ändert. Ich finde die Erkrankung Diabetes spannend, ich verstehe sie wahrscheinlich anders als jemand ohne sie, und ich habe eine riesige Passion fürs Erklären und Lehren. Ich finde, es gibt keine besseren Gründe als diese, sich für ein Fach in der Medizin zu entscheiden.“

Die eigene Erkrankung ist kein Hindernis

Was uns aber verbindet, ist die Überzeugung, dass die eigene Erkrankung kein Hindernis ist, sondern etwas, das die spätere Arbeit bereichern kann.

Jenna: „Mir ist wichtig zu betonen: Ich möchte Menschen mit Diabetes keineswegs aus dem Blick verlieren. Im Gegenteil – ich sehe meine eigene Erkrankung als wertvolle Ressource, die ich gezielt einsetzen möchte. Denn Diabetes ist nie nur eine Stoffwechselerkrankung. Diese Erkrankung berührt jeden Aspekt des Lebens: Die Psyche, die sozialen Beziehungen, die körperliche Entwicklung, die Familie. In der Allgemeinmedizin hätte ich die Möglichkeit, Patient*innen über viele Jahre als vertraute Ansprechperson, die den Menschen als Ganzes sieht, zu begleiten. Die Pädiatrie ist schon lange weit oben auf meiner Liste, weil ich gerne mit Kindern und vor allem Familien arbeite und durch meine Arbeit erlebt habe, wie herausfordernd es sein kann, als Kind oder Jugendliche mit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes diagnostiziert zu werden und aufzuwachsen.